The South Carolina Modern Language Review |
Volume 4, Number 1 |
Vom jüdischen Geschichtsbewußtsein in Lion Feuchtwangers Jud Süß
East Carolina University
Geschichtsbewußtsein: was ist das überhaupt? Man
könnte sagen, das geschichtliche Bewußtsein umfaßt die sinnlichen Erfahrungen
und geistigen Erkenntnisse von historischen Tatbeständen. Es ordnet und
verbindet diese zu einem zusammenhängenden Geschichtsbild, so daß das
geschichtsgläubige Individuum einen Platz und dadurch Anker im Ganzen der Welt
findet. Geschichtsbewußtsein fördert somit Selbstbewußtsein. Nun wird jedoch
die gesellschaftlich anzuerkennende Gestaltung der vermuteten historischen
Zusammenhänge vom jeweiligen Dogma der Herrschenden vorgeschrieben. Friedrich
Nietzsche beschrieb diese ideologische Verkettung in seinen “Unzeitgemäßen Betrachtungen”:
“Die Historie, sofern sie im Dienste des Lebens steht, steht im Dienste einer
unhistorischen Macht und wird deshalb nie, in dieser Unterordnung, reine
Wissenschaft, etwa wie die Mathematik es ist, werden können und sollen”
(218-19).
Wer die Macht hat, schreibt also die Geschichte,
schreibt sie auch um, wenn es ihm beliebt.[1]
Man kann in dem Sinne argumentieren, das moderne, gesellschaftliche
Geschichtsbewußtsein werde insbesonders durch zwei Mechanismen erhalten:
erstens eben durch die weltliche Gewalt, welche die politische Auslegung der
Geschichte diktiert; zweitens durch den scholastischen Geist, der die
intellektuelle Interpretation der historischen Gegebenheiten verwaltet und
erhält.
Arbeiten diese Mechanismen eng miteinander, so
entsteht der Eindruck einer geschichtlichen Kontinuität, die das
Geschichtsbewußtsein weiterhin verstärkt und tief in die Gesellschaft
einpflanzt. Fehlt jedoch eine solche historische Kontinuität, so verlieren die
Geschichtsentwurzelten Basis und Mittel zur eigenen Identität. Theodor Adorno
spricht in diesem Zusammenhang auch von einer “gesellschaftlichen Schwächung
des Ichs” (13). Die Zerstörung von historischer Erkenntnis, ob unwissentlich
oder bewußt unternommen, muß unweigerlich zur Selbstentfremdung innerhalb der
Gesellschaft führen und ebnet obendrein oft noch den Weg für die Wiederholung
eines schon erlebten gesellschaftlichen Zusammenbruchs, weil mit der
unterdrückten Vergangenheit auch das Wissen um ihre Ursachen verlorengeht.
Seit der Aufklärung vermag nun der rückblickende
wissenschaftliche Geist, weil er objektiv sein möchte, oft nur eine
strukturelle “Unumgänglichkeit” in die historischen Geschehnisse hineinzulesen.
Etwas geschah, weil es laut den Gesetzen der strukturellen Notwendigkeit so kommen mußte. Alfred Döblin schreibt darüber:
Der Historiker wühlt im Material, durchsucht es, er
ist gehandikappt und hat ein schlechtes Gewissen. Denn er folgt einem
wahnhaften Wahrheitsideal, einem wahnhaften Objektivitätsideal, dem jede seiner
Einteilungen und Grundkonzeptionen widerspricht. (zitiert in Fischer 33)
Der geschichtsschreibende Geist zwingt dem
historischen Ablauf also eine straffende Logik auf, unter der das Subjektive
entfällt. Alles, was den Rahmen seiner Geschichtstheorien zu sprengen droht,
wird demzufolge meist unter den Kategorien “Zufall” oder “Schicksal”
eingeordnet und dementsprechend entwertet oder sogar vergessen. Diese
klaffenden Lücken in den Geisteswissenschaften aber werden seit jeher von den
thematischen Inhalten der Kunst wieder geschlossen. Vor allem die Literatur,
als spezifisch geformte Interpretation der wahrgenommenen Wirklichkeit, bleibt
daher ein wichtiges, weil ergänzendes Bestandteil der zeitgenössischen
Historie. Klaus Modick schreibt dazu:
Literatur ernstnehmen heißt ja
nicht eigentlich, sich mit wissenschaftlichen Kategorien und Methoden dem
künstlerischen Objekt zu nähern und dann den Versuch zu veranstalten, dies
Objekt in wissenschaftliche Termini zu übersetzen, sondern heißt vielmehr, das
künstlerische Objekt als Träger von Bedeutungen zu akzeptieren, die nicht
vollständig in theoretisch-wissenschaftlicher Begrifflichkeit aufgehen. (10)
Weiterhin ist
die Literatur dank einer bewußten Einbeziehung des Subjektiven fähig, einer
rein dokumentarischen Wiedergabe auch eines historischen, also weit
zurückliegenden Ereignisses entgegenzuwirken, was sogar einen umstrittenen
Geschichtsgegenstand wieder stabilisieren kann, wenn oft auch nur auf latente
Weise. Jene literarische Erscheinungsform aber, die gleichzeitig eine klärende
Beziehung zur Vergangenheit, mögliche Alternativen zur Gegenwart und eine neue
kritische Orientierung für die Zukunft anstrebt, ist der historische Roman.
Fritz Martini erkennt in der sozialpsychologischen
Grundlage des historischen Romans zwei mögliche fundamentale Perspektiven,
nämlich die traditionelle sowie die moderne, posthistorische Auslegung der
literarischen Funktionen. Noch im frühen neunzehnten Jahrhundert diente der
historische Roman laut Martini der bürgerlichen Legitimation; man fand in ihm “die
Vergewisserung der eigenen Identität oder drängte dazu, was man als die eigene
Identität empfand, in die Geschichte zurückzukonstruieren” (Martini 257). Das
Bürgertum glaubte sich damals in die Produktion der politischen und
ideologischen Realität voll miteinbezogen. Die bürgerliche Kunst vertraute
dabei auf eine (be)greifbare Wirklichkeit, die ihr durch die bestehende,
geschichtliche Kontinuität garantiert schien.
Dieser Glaube an die sinnvermittelnde Mission der
historisierenden Literatur brach sich erst an den politischen Umschichtungen
durch die gescheiterte bürgerliche Revolution in der Mitte des Jahrhunderts.
“Die Bewußtseinswende, die ihr folgte, drückte sich charakteristisch durch die
Distanzierung von der Ideologie des Zeitgeistes mittels einer Ästhetisierung
der Geschichte aus” (Martini 259). Die sozialpolitische Verwandlung des
bürgerlichen Selbstverständnisses vom handelnden Subjekt zu einem Objekt, das
die politischen Entscheidungen nurmehr passiv empfangen mußte, resultierte vor
allem in einer scheinbar druckerleichternden Hinwendung der Bürger zu ihren
geschichtlich bezeugten Leistungen innerhalb der apolitischen Bereiche von
Kunst, Kultur und Bildung. Dieser Verlust in das Vertrauen auf das politische
Mitwirken wirkte sich künstlerisch auch als eine “innere Emigration” in die
depolitisierte Geschichte aus, welche sich nicht viel später auch physisch
nachvollziehen mußte, nämlich durch die Exilflucht vieler Künstler im Dritten
Reich.
Martini sieht den Faschismus als Grenze zwischen
traditionellen und modernen Geschichtsromanen. Der Nationalsozialismus wirkt,
wie er sagt, für moderne Autoren stets wie eine “Barriere gegenüber der ferner
zurückliegenden Geschichtszeit. [Diese] ist im Hegelschen Sinne in [den
faschistischen Jahren] aufgehoben, sie ist durch sie widerlegt oder ist durch
sie schuldig geworden” (252). Durch diese Blockierung des historischen
Bewußtseins aber reißt die geschichtliche Kontinuität, zerbröckelt das
Lebensverständnis, subjektiviert sich das Ich bis zur Selbstentfremdung.
Doch begann der Wandel vom schöngeistig-politischen
Geschichtsverständnis zu einem derartigen Geschichtspessimismus und -verlust
nicht schon früher, nämlich in der Weimarer Republik? Die “Goldenen Zwanziger”
stellen zweifellos eine Zeit des politischen Konflikts und des unbehaglichen
Kompromisses dar. Sie gärten noch immer unter dem Einfluß der rapide
voranschreitenden Industrialisierung und des Ersten Weltkrieges. Die
anonymisierten Menschenmassen fühlten sich von den Fabriken und den verseuchten
Städten verschlungen; die alten bürgerlichen Ideale waren durch den Einfluß des
neu entstandenen Kapitalismus weitgehend zersplittert. Die wirtschaftliche und
soziale Wirklichkeit wurde von einer ausdrucksarmen, unbeliebten Maschinerie
verwaltet, mit der sich so besonnene Denker wie Thomas Mann, Max Weber, Ernst
Troeltsch, Friedrich Meinecke und Max Liebermann nur aus “Vernunftgründen”
identifizieren konnten, weil ihnen die Republik zumindestens mehr Denk- und
Ausdrucksfreiheit ließ als jegliche politische Alternative (Schulze 130). Ihrem
großbürgerlichen, liberalistischen Vernunftglauben gegenüber stand die radikale
Gesellschaftskritik der “antibürgerlichen” Intellektuellen Europas, die sich
durch metaphysischen Realismus und im Neoklassizismus, durch Kubismus, Futurismus,
Dadaismus, Verismus, in der Merzkunst und in der Neuen Sachlichkeit so kühn
gegen die herrschende Ordnung auszudrücken versuchten. Obwohl die deutschen
Verfechter und Anhänger dieser mannigfaltigen Kunstrichtungen glaubten, endlich
alle einengenden Maßstäbe der bürgerlichen Zivilisation zerbrochen zu haben,
bedienten sie sich, fast ohne Ausnahme, eines zutiefst bürgerlichen Mittels:
des kulturellen Idealismus, formuliert und zum visuellen Ausdruck gebracht
durch den Glauben an die Kraft des menschlichen Geistes. Es war also
letztendlich der subjektive Geist, zumeist in der Gestalt des moralisierenden
Individualismus, der in zweckverheimlichenden Kunstformen über die Macht, das
öffentliche Handeln, urteilte. Doch Mittel – und Zweck – des Selbstausdrucks
definierten und verloren sich lediglich im ohnmächtigen Widerstand gegen den
politischen Zeitgeist. Deshalb wirkte dieser manchmal kontemplative, oft auch
plakative Verzicht vieler Avantgarde-Künstler in der Weimarer Zeit auf das
politische Mitbestimmungsrecht wie ein Biß ins eigene Fleisch. Die “reine”
Kunst, l’art pour l’art, besorgte dem machtergreifenden Kapitalismus zu
allem Überfluß auch noch ein demokratisches, humanistisches Alibi. Solcher
Kunst kann heute nämlich sogar vorgeworfen werden, “als institutionalisierter
Spielraum folgenloser Subjektivität suggeriere sie die Freiheit, die von der
bestehenden gesellschaftlichen Ordnung verweigert wird” (Jürgens
9). Der längst klaffende Abgrund
zwischen der politischen, zum Handeln gezwungenen Existenz und den im
Ästhetischen verhafteten Denkern und Dichtern blieb somit unüberbrückbar.
Lion Feuchtwanger dagegen bekannte sich bewußt dazu,
die Moral vertreten wollen. Sein Geschichtsroman Jud Süß war ein großangelegter Versuch, die akute Antithetik
zwischen Geist und Macht zugunsten des subjektiven Geistes zu lösen.[2]
Allerdings versuchte er dabei nicht über die Brücke der blind tappenden
Schöngeisterei zu seinem Ziel zu gelangen, sondern suchte nach einem neuen Weg.
Dabei kamen ihm vier Grundelemente seiner Weltanschauung zur Hilfe: das
jüdische Selbstverständnis, ein gestaltender Pragmatismus, eine kritische
Teilnahmebereitschaft am historischen Geschehen und ein auf Autonomie
bestehender Intellektualismus (Modick 22). Vereinfacht könnte man diese
Denktraditionen jedoch auf einen einzigen Nenner bringen, nämlich auf das ihm
eigentümliche Verständnis des Judaismus.
Feuchtwanger identifizierte sich zunächst nicht mit
dem streng religiösen Judentum seiner Jugend. Die Familienatmosphäre, so
widersprüchlich aus unerbitterlicher Orthodoxie und bayrischem Kapitalismus
zusammengesetzt, läßt ihn schon als Zehnjährigen zweifeln, “ob es Sinn habe,
jene Riten zu befolgen, die das Leben so ungeheuer erschwerten und mich zum
Gespött meiner Mitschüler machten” (Jaretzky 13). Wie so viele seiner
intellektuellen Zeitgenossen sieht auch er anfangs die ästhetisierende Kunst
des Fin de Siècle als wegweisend; dies, obwohl und weil sie längst von dem Geschichtsbewußtsein kreierenden
Apparat der politischen Mächte und des objektiven Gelehrtentums abgespalten
ist. “In meiner Ästhetik habe ich mir eine feste Burg gebaut, in der ich sicher
bin vor jedem theoretischen und praktischen Zweifel,” läßt Feuchtwanger eine
seiner fiktiven Gestalten sagen (zitiert in Jaretzky 24). Der Erste Weltkrieg
vernichtet schließlich seine elitär-subjektive Kunstauffassung; er fühlt sich
zum “Wesenhaften” geführt (Sternburg 105). Das Wesenhafte aber bedeutet: weg
von der wirkungslosen Formenspielerei, hin zur definitiven Interpretation
des sozialen und politischen Chaos um ihn herum.
Die literarische Frage bleibt jedoch die gleiche: wie
können die beiden Pole der scheinbar sinnlosen Handlung und des sinngebenden
Denkens vereint werden, wo können Tat und Geist sich friedlich treffen?[3]
Für Feuchtwanger liegt die Antwort in der jüdischen Kultur, deren
Geschichtsbewußtsein teilweise einer geistigen Verknüpfung mit ihrer Heiligen
Schrift, der “Grundlage ihrer völkischen Existenz” (Feuchtwanger 1982/262)
entspringt. Diese Verknüpfung fördert einen Intellektualismus, der sich auf das
von Generation zu Generation weitervermittelte Wissen um ein historisches
Kontinuum gründet:
Das Wesen und Werden keines andern Volkes ist so durchtränkt mit Geschichte wie das der Israeliter, alle
ihre Taten taten sie im Namen ihrer Geschichte, durch ihre Geschichte, nicht
durch Rasse, fühlten und fühlen sie sich zusammengehalten [...]. Sehr früh
schon setzt sich in der jüdischen Gemeinschaft der Glaube durch, daß nur der
wissende Teil des Menschen nach dem Tode weiterlebt, seine Erkenntnis. (264-5)
Der krasse Gegensatz zur westlichen Kultur besteht
für Feuchtwanger also zum größten Teil aus dem jüdischen Schrift- und
Geschichtsbewußtsein, das im Grunde nichts anderes ist als die historisch erste
intellektuelle Tätigkeit überhaupt. Dadurch wird das Judentum zu einem
allgemeingültigen geistigen Konstrukt, ein Symbol für intellektuelle
Fähigkeiten. Tatsächlich schreibt er,
man kann wohl nicht behaupten, daß man mit
wissenschaftlicher Sicherheit die Eigenschaften bezeichnen könnte, die die Gruppe
Judenheit bestimmen [...]. Man faßt wohl am besten die Judenheit als
Geistesrichtung auf, die, ähnlich wie andere Mentalitäten, [...] die Fähigkeit
hat und hatte, viele einzelne zu ergreifen und sich zu assimilieren.
(Feuchtwanger 1933/351)
Ein weiterer
Unterschied zur westlichen Geisteshaltung resultiert laut Feuchtwanger aus den
geographischen Umständen der kulturellen Entwicklung des Judentums, denn die
Juden
standen da, wo die Erkenntnisse der großen antiken
Kulturen einander berührten, einander schnitten. Von Osten her drang ständig
auf sie ein die Lehre von der Notwendigkeit des Nichtwollens, des Nichtstuns,
des Aufgehens im großen Nichts. Vom Abendland her hämmerte unablässig auf sie
ein die Lehre, daß der Mensch geboren sei zur Tat und zum Kampf. In ihrem
Mittag stand groß und dunkel die Lehre Ägyptens von der Überwindung des Todes
durch Beharrung und Verwahrung, von der ewigen Konservierung des Seins.
Morgenland lehrte sie: vergehen, Abendland lehrte sie: werden, Mittagland
lehrte sie: sein. Sie nahmen in sich auf diese drei Lehren, verschmolzen sie
ineinander. (1933/352)
Feuchtwanger versteht die Juden demnach als ein Volk
“zwischen Europa und Asien,” das nur durch “praktische Psychologie,” also
zweckmäßige Anpassung an die gegebenen Umstände, überleben konnte. So erkannten
sie einerseits sehr wohl die geschichtsverändernde Macht der Tat, bekannten
sich andererseits jedoch zur Askese ihres geistigen Rückhalts, des Großen
Buches. Diese Zwischenstellung
ermöglicht ihnen eine “dem Judentum vorbehaltene, vom historischen Schicksal
zugestandene Vermittlerrolle vor, ein ‘historischer Auftrag,’ zwischen Ost und
West, zwischen Nord und Süd zu vermitteln” (Wolf 61).
Der dritte und letzte Gegensatz zum Westen findet
sich im jüdischen Zeitverständnis. “Es ist uns aufgetragen, am Werke zu
arbeiten, es zu vollenden ist uns nicht aufgetragen,” zitiert Feuchtwanger
aus dem Talmud und meint damit das messianische Zukunftsvertrauen, dem
kein politisches Diktat zugrunde liegen muß, um den Menschen einen aktiven Glauben
an die angeblich sinnvermittelnde Macht einzuflößen (1982/264)
Die Synthese dieser drei Merkmale definiert die
jüdische Kultur, so wie Lion Feuchtwanger sie sieht. Die eigentliche Religion
bleibt in dieser Theorie offensichtlich nur eine Randerscheinung, als
Triebfeder der Kultur, als ursprünglicher Grund zur Erhaltung des Dogmas.
So gesehen, beschreibt Feuchtwangers historischer Roman Jud Süß eine geistige Entwicklung vom
westlichen “Tun-müssen” zum östlichen “Nichts-tun-wollen.” Der skrupellose und
den weltlichen Genüssen huldigende, aber auch gebildete und vornehme Hofjude
Josef Süß Oppenheimer steht anfangs zwischen zwei Geschichtswelten. Einerseits
hat er sich mit Leib und halber Seele dem einzig wichtigen Mechanismus
verschrieben, der die stampfende Maschine des feudal-absolutistischen Europas
in Bewegung hält: dem Geldhandel. Als zynischer Machtmensch weiß er genau: “Wer
die Finanzen regierte, regierte das Land” (135). Die andere Hälfte seiner Seele
und sein Herz aber bleiben, wenn auch zunächst “verkapselt” (38), seinen
jüdischen Ursprüngen zugewandt. Weil es ihm jedoch “süß und herrlich [ist],
Macht zu haben unter den Menschen” (136), muß auch er schließlich seinem Götzen
einen Wegzoll bezahlen, denn seine Tochter Naemi wird nur deshalb in den
Freitod getrieben, weil der lüsterne württembergische Herzog Karl Alexander in
seiner politischen Handelsfähigkeit stets mächtiger bleibt als sein Hofjude.
Feuchtwanger zeichnet hier das Bild einer
einsichtsunfähigen Macht, deren materielle und politische Verlockungen viele,
aber eben nicht alle Geschehnisse in Jud
Süß motivieren.[4] Obszöne
Prachtentfaltung, körperliche Wollust und politischer Größenwahn bilden die
extremen Auswüchse; ihnen gegenüber steht etwas viel Subtileres, wie zum
Beispiel das blinde Vertrauen Isaak Landauers auf die assimilierende Macht des
Geldes. “Er wußte, es gab nur eine
Realität auf dieser Welt: Geld [...]. Aus Geld kam alles und zu Geld wurde
alles, und alles ließ sich in Ziffern ausdrücken” (16). Mit diesen Gedanken
verrät der alte Jude seine Untergebenheit unter die Machtprinzipien seiner
Umwelt. Hier “wird selbstkritisch jede Form des kapitalistischen Materialismus
bloßgestellt, die sich tarnt im Gewand jüdischer Tradition, aber sich nicht
scheut, [...] als Anfang und Basis aller Dinge die ökonomischen Verhältnisse”
zu begreifen (Klussmann 115). Dem Geld kommt nach Landauers Auffassung eine
Spitzenposition in der gesellschaftlichen Hierarchie zu, die sich durch das
westliche Autoritätsprinzip herausgebildet hat. Diejenigen, die sich in solcher
Weise der Herrschaft des Geldes unterwerfen, merken oft gar nichts davon, wie
Adorno warnt, daß sie
zu willfährigen Instrumenten einer nun einmal
bestehenden Ordnung geworden sind. Die [...] Form der Barbarei ist gerade die,
daß im Namen von Ordnung, im Namen von Autorität, im Namen etablierter Mächte
eben Akte begangen werden, die ihrer eigenen Gestalt nach die Ungeformheit und
darüber hinaus den Zerstörungstrieb und das verstümmelte Wesen der meisten
Menschen bekunden. (130)
Das Barbarische der Macht liegt vor allem darin, daß
ihre Erhaltung nur durch unterdrückende Handlungen garantiert werden kann. Sie
ist deshalb stark daran interessiert, in die ihr hörige Kultur
Repressionselemente einzubauen, welche den Status Quo auch innerlich in den ihr
Untergebenen präservieren. Es liegt auf der Hand, daß die westliche
Zivilisation, gekennzeichnet durch ihr (auf die Katalogisierung von Kriegen und
glorreichen Machtinhabern ausgerichtetes) Geschichtsbewußtsein sowie ihren
ungeheuren Taten- und Expansionsdrang eine solche Repressionsfunktion
beinhalten muß, um die derart geweckte Aggressionsbereitschaft der Masse wieder
zu zügeln. Das unvermeidliche Resultat: der Einzelmensch wird von der
politischen Macht abhängig, weil nur sie die gesellschaftliche Wirklichkeit
stabilisieren kann.
Der schließliche Machtverzicht des Hofjuden Süß, im
drastischen Gegensatz zu diesen Abhängigkeitsverhältnissen seiner Mitmenschen, muß daher gleichzeitig auch zur Rückweisung der
lebensrettenden Taufe und somit zum Verzicht auf eine Identifizierung mit dem
Christentum führen, dem die westliche Zivilisation nicht nur ihre historischen
Grundwerte verdankt. Vor allem der Katholizismus basiert auf einer irrationalen
“Wirklichkeit,” nämlich der erlösenden Gnade Gottes, die niemals ganz
verstanden werden kann, weil sie den Intellekt der Gläubigen transzendiert. Die
gläubige katholische Gemeinde bleibt außerdem stets der kirchlichen Hierarchie
untergeordnet, die ihr Verhalten und Glauben vorschreibt, also Tat und
Unterwerfung. Die Kirche, zugleich weltliche Verwaltungsinstitution und
heiliger Verwahrungsort der spirituellen Realität, diente den feudalen Mächten
als elementarste Verdummungs- und Gehorsamsschule (Weber 357-81). Die Juden
(und Intellektuellen) hingegen bewahren sich eine verantwortungsbewußte
Individualität, wie Feuchtwanger erkennt, weil jedes Individuum selbst Schüler
und Lehrer seiner jüdisch-kulturellen Geschichtskontinuität ist: “Jeder
einzelne ist Glied der Kette, die sie mit Gott verbindet, jeder einzelne ist Instrument
der Geschichte der Gesamtheit” (1982/263). Voraussetzung dazu ist die
unsterbliche geistige Erkenntnis, “in ihrem Kern Wissen um die Geschichte und
ihren Sinn” (1982/264). Diese Erkenntnis wird auch Süß zuteil; tiefer und
tiefer taucht er in das Bewußtsein seines einst verkapselten Ichs hinab, bis
sich die Zelle des zum Tode Verurteilten “von ungesprochenem Wort, von Gedanke,
Gesicht, Gott” (510) erfüllt.
Doch ist er ein Jude? Ist sein Judentum ein aktiver
(d.h. bejahender) Glaube an “den Sinn des Buches” (202), eine religiöse
Überzeugung, die alle Juden der Welt “zusammenschweißte” (203)? Feuchtwangers
Erzähler gibt keine präzisen Hinweise auf diese Frage. So bleibt Josef Süß eine
gespaltene Existenz; er verkörpert beide ideologischen Pole der Geist-Macht-Antithetik
als Halbjude und als halber Christ. Sein Bekenntnis zum Judentum kann daher
kein religiöses sein, es ist ein kulturelles, ein geistiges, dessen
Verwandtschaft mit dem Judaismus nur auf dem veränderten Lebensbewußtsein
beruht.
Süß ist, wie wir alle, der Ewige Halbjude. Er trägt
in sich, wie alle Individuen, das Potential eines Messias: die Entscheidung
zwischen der Teilnahme am Vergänglichen oder an dem, was alle Macht überdauern
wird, an der Einsicht in die Sinnlosigkeit der Macht. Die erste Wahl mag zum
Thron, zum Denkmalsockel oder zum Direktorensessel führen; die zweite jedoch
endet nicht selten am Folterinstrument ihrer Zeit, dem Kreuz, dem Galgen oder
dem Fließband.
Bleibt (nur) noch die Frage nach dem Sinn der
Geschichte im jüdisch-intellektuellen Bewußtsein. Lion Feuchtwanger schreibt
dazu: “Kein Volk hat das Fließende, die Dynamik dessen, was es als
Gemeinsamkeit erlebte, so tief empfunden wie Israel, doch kein Volk auch so
tief das Ewig-Gleiche, Beharrende in diesem ewigen Wechsel. Die Wellen
verrinnen, der Fluß ist derselbe” (1982/262). Historie definiert sich ihm als
paradoxes Zusammenspiel von zwei Begriffen, dem Bekenntnis zu einem einzigen
geistigen Prinzip, verankert im messianischen Versprechen, und dem beruhigenden
Wissen um die Zyklushaftigkeit des menschlichen Lebens. Was die beiden Begriffe
miteinander verbindet, ist die bewußte Erkenntnis des besonderen Elementes, das
gleichzeitig die Qualität der Zukunft beschreibt und die Entwicklung der
Alltagszyklen vorantreibt: des Fortschritts.
Nun ist der Begriff “Fortschritt” jedoch ein vager.
Er stellt eine von jenen ambivalenten Formeln dar, die in jeder Zeit und jeder
Gesellschaft eine neue Auslegung erfahren, vor allem aber seit der Aufklärung
im Dienst des Bürgertums stehen. Herbert Marcuse bietet uns dazu die folgende
zweiteilige Erklärung an: Der quantitative
Fortschritt besagt [...], daß im Laufe der
Kulturentwicklung, trotz vieler Regressionsperioden, die menschlichen
Kenntnisse und Fähigkeiten im ganzen genommen gewachsen sind und daß
gleichzeitig ihre Anwendung im Sinne der Beherrschung der menschlichen und
natürlichen Umwelt immer universaler geworden ist. Das Resultat dieses
Fortschritts ist steigender gesellschaftlicher Reichtum. Im gleichen Maß, wie
die Kultur sich fortentwickelt, vergrößert sie die Bedürfnisse der Menschen und
zugleich die Mittel zu ihrer Befriedigung, wobei offen bleibt, ob solider
Fortschritt auch zur Vervollkommnung des Menschen, zu einer freien und
glücklichen Existenz beiträgt. Diesen quantitativen Fortschrittsbegriff können
wir den Begriff des technischen Fortschritts
nennen und ihm dem qualitativen Fortschrittsbegriff gegenüberstellen, wie er
besonders in der idealistischen Philosophie und vielleicht am schlagendsten
unter Hegel ausgearbeitet worden ist. Hiernach besteht der Fortschritt in der
Geschichte in der Verwirklichung der menschlichen Freiheit, der Moralität:
immer mehr Menschen würden frei, und das Bewußtsein der Freiheit selbst
stachelte zu einer Vergrößerung des Umkreises der Freiheit an. Das Resultat des
Fortschritts besteht hier darin, daß die Menschen immer menschlicher werden,
daß Sklaverei, Willkür, Unterdrückung, Leid abnehmen. Wir können diesen
qualitativen Fortschrittsbegriff die Idee des humanitären Fortschritts nennen. (35-36)
Daran gemessen beschreibt Feuchtwanger, “der
ausgesprochen liberal-bürgliche Fortschrittsgläubige” (Wolf 64), die
psychologische Entwicklung des Juden Süß zweifellos im Sinne des qualitativen
Fortschritts.
Hier tauchen allerdings interpretative Schwierigkeiten
auf. Der fiktive Fortschrittsglaube (verkörpert durch die gläubigen Reaktionen
des Hinrichtungspublikums), inmitten dessen Süß erdrosselt wird, findet keine
Parallele in der Feuchtwangerschen Weimarer Republik. Im Gegenteil: statt einer
wachsenden Emanzipation finden wir dort die dramatisch steigende Tendenz zum
totalitären Staat vor. Falls Feuchtwanger jedoch den realen, zunehmenden Hang
seiner Weimarer Zeitgenossen zu einem irrationalen Erlöser- und Wunderglauben
mit der ebenso desolaten Sinngebung jener Württemberger Juden gleichsetzen
wollte, die in Süßens Märtyrertod ein Zeichen Gottes sehen wollen, so scheint
in beiden Gedankenwelten ein warnender, ja defaitistischer Kern zu stecken. Die
Schlußfolgerung wäre dann ein mit dem jüdischen Glauben schier unvereinbarer
Weckruf, eine Warnung vor jenen subjektiven Kräften, die nicht nur Überzeugung,
sondern auch Untergang verheißen können.
Eine passendere Erklärung dieses Paradoxes mag wohl
in der Behauptung liegen, daß Feuchtwanger im Rückgriff auf die Geschichte und
auf das, was er als ihr “Wesenhaftes” empfindet, versuchen will, die “zwingende
Notwendigkeit eines steigenden Fortschritts und einer wachsenden Vernunft
darzustellen, wozu er logischerweise die entsprechenden historischen Perioden
zur literarischen Bearbeitung wählt, in der diese Dynamik evident ist” (Fischer
116).[5]
Anders ausgedrückt: in Feuchtwangers Weltanschauung erfolgt eine Sinngebung
durch den jeweiligen Fortschritt jeder einzelnen Generation, durch die geistige
Entwicklung weg vom Barbarismus, weg von der brutal herrschenden Macht, weg
auch vom irrationalen, die Macht subvenierenden Glaubensvertrauen.[6]
Der Kreis schließt sich. Wir definierten eingangs den
Geschichtssinn als eine dogmatische Fiktion und das Geschichtsbewußtsein als
eine gesellschaftliche, emotional gesteuerte Reaktion darauf: “Die Geschichte existiert nicht. Wir sind
hoffnungslos in einen historischen Apriorismus eingesperrt, den wir
günstigenfalls begreifen, niemals durchbrechen können” (Friedell 566). Ausgangspunkt der Geschichtsschreibung ist die
Forderung nach einem logischen Muster innerhalb der historischen Abläufe, das
gleichzeitig auch als eine Rechtfertigung für die bestehende
Gesellschaftsordnung dienen kann. In einer Ära, welche sich auf Vernunft und den
Fortschritt beruft, muß ein solches Muster jedoch alle subjektiven, also als
irrational empfundenen Elemente des menschlichen Lebens ablehnen. Fernerhin
bemächtigt sich die Geschichtsdeutung in entsprechend irrationalistisch
gefärbten Epochen, wie zum Beispiel während des Absolutismus oder des
Faschismus, auch der subjektiven Teilelemente ihres gesellschaftlichen Systems.
Hier werden nun wiederum die objektiven Wirklichkeitsmodelle und deren
Erzeuger, die Intellektuellen, nicht anerkannt.
Die prophetische Kunst aber, im reflexiven Widerspiel
mit den monopolistischen Gebärden der Herrschenden, erzeugt komplementäre
Kommentare zu ihrer Zeit. Ist diese Zeit eine industriell-technische, so wird
die Kunst ästhetisch; erzeugt die Epoche fanatische politische Überzeugungen,
so reagiert die Kunst oft rationell, mit dem erhobenen Mahnfinger. Motiviert
wird dieses Wechselspiel stets von der Ahnung um einen Sinn der Welt, der sich
nicht von einer herrschenden Macht auf ein einziges Erkenntnisschema zurechtstutzen läßt. Lion Feuchtwangers Roman Jud Süß ist deshalb eine Antwort auf
seine eigene historische Umwelt: “Eitel ist und vielfältig ist und Haschen nach
Wind ist die Welt” (521), doch auch in ihrer größten Gewalttätigkeit kann sie
dem Menschen nur die physische Existenz, nicht jedoch seinen wissenden Geist
entziehen. So bleibt die Vergangenheit nur für diejenigen ein lehrreiches
Thema, die sich von der Wiederholung schon gehabter Gräuel in der Gegenwart
betroffen fühlen. Und darin liegt wohl der geistige Fortschritt.
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o. J. (posthum erschienen).
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[1] So antwortete etwa ein SS-Leitheft
(1936) auf die Frage “Wie ist über deutsche Geschichte zu schulen?”:
“Nationalsozialistische Geschichtsauffassung ist nicht wie die bisherige
Geschichtsbetrachtung dynastisch oder konfessionell bestimmt und wird [...] vom
Standpunkt des ganzen deutschen Volkes gesehen. So steht über der Betrachtung
und Würdigung der geschichtlichen Ereignisse und Männer stets die Frage: Was haben sie dem deutschen Volke genützt?
Was haben sie dem deutschen Volke geschadet” (zitiert von Franz 97).
[2] Laut Varga kleidete er seinen Versuch in die Form des Geschichtsromanes, um durch das objektive Geschehen von der Subjektivität des Autoren abzulenken (157).
[3] Als junger Dissertant
bescheinigte Feuchtwanger noch den jüdischen Künstlern und Intellektuellen (den
“Kulturjuden,”), eine aus ihrem Zwiespalt zwischen “hingebendem Gefühl und
verständnismäßiger Kritik” entstehende Unfähigkeit, den “großen Judenschmerz”
poetisch darzustellen (zitiert in Windfuhr 146).
[4] Pazi erklärt Feuchtwanger dichterische Absicht als “die Wiedergabe eines exemplarischen Falles, in dem ethnisch bestimmte Eigenschaften die Erfüllung eines hochgesteckten Zieles gegen den gleichfalls ethnisch bestimmten Widerstand der Umwelt ermöglichen und die Bloßlegung der skrupellosen Korruptheit und Korrumpierbarkeit der herrschenden Klasse und ihrer Manipulationen, mit denen sie die stets vorhandene Haßbereitschaft der beherrschten Klasse in Bahnen leitet, die das Augenmerk von politischen und wirtschaftlichen Mißstanden ablenkt” (486).
[5] Das macht den geschichtlichen Umkreis zum Hintergrund, wie auch Feuchtwanger selber andeutete: “Echte Dichter haben auch in ihren Schöpfungen, die Historie zum Gegenstand hatten, immer nur Zeitgenössisches aussagen wollen, ihr Verhältnis zu eigenen Zeit, ihr erlebtes Erkennen, wieviel von der Vergangenheit in der eigenen Zeit atmet” (Desdemona 145)
[6] Wobei man die didaktischen Intentionen nicht übersehen darf: “Feuchtwanger kommt es eben immer um das Gleichnishafte an” (Varga 158).